Speerwurf

Speerwurf

Speerwurf  Abb.: IAT Leipzig

Der Speer – eine der ältesten Jagdwaffen des Menschen, diente lange Zeit nur dem Nahrungserwerb. Wann dieses Werkzeug auch zum sportlichen Kräftemessen eingesetzt wurde bleibt Geheimnis der Urgeschichte. Die ältesten vollständig erhaltenen Funde stammen aus Schöning in Deutschland. Es sind Speere aus dem Paläolithikum, deren Alter auf 280.000 bis 400.000 Jahre geschätzt wird. Aber es sind auch Teilfunde aus Afrika und Spanien bekannt, welche auf 500.000 Jahre datiert wurden.

Die Speere waren in der Mehrzahl aus schlanken, geraden Fichtenstämmchen gearbeitet und besitzen Abmessungen zwischen 1,80 m und 2,50 m. Sie sind sehr sorgfältig bearbeitet und zeugen von hohem technologischen Können und einer handwerklichen Tradition. Sehr interessant ist, das wie bei heutigen Wettkampfspeeren der größte Durchmesser und damit der Schwerpunkt im vorderen Drittel des Schaftes liegt.

In ihren Wurfeigenschaften also auch der Wurfparabel sind die Schöninger Holzspeere modernen Wettkampfspeeren ebenbürtig. Bei Tests konnten Sportler originalgetreue Nachbauten bis zu 70 Meter weit werfen.

Bereits Herakles soll der Überlieferung nach ein guter Speerwerfer gewesen sein. Aber nicht nur in der Griechischen Mythologie sondern bereits 708 vor Christus gab es Speerwerfen als Olympische Disziplin. Der Fünfkampf der Antike beinhaltete neben dem Speerwurf, der in den Teildisziplinen Weit- und Zielwurf ausgetragen wurde, auch Diskuswurf, Laufen, Ringen und Springen.

Besonders in Skandinavien fand Speerwurf im 18. Jahrhundert Anklang. Für die Finnen wurde das Speerwerfen zu einem Nationalen Symbol für die Unabhängigkeit ihres Volkes.

1906 kehrte das Speerwerfen zurück zu den Olympischen Spielen und wurde in Athen, also an historischer Stätte, wieder als Männerdisziplin im Freistil ausgetragen. Die Schulung der Koordination stand Anfang des 20. Jahrhunderts im Vordergrund, denn 1912 wurde Speerwurf mit dem rechten und mit dem linken Arm ausgeführt und beide Leistungen addiert. In Los Angeles 1932 konnten dann auch die Damen in das olympische Geschehen eingreifen.

Zum Zeitpunkt als der Speer dem Nahrungserwerb diente nutze man regional verfügbares Holz, wie Fichte oder Tanne als Baumaterial. Als Spitze wurde geschärfter Stein eingesetzt, der später durch Metalle ersetzt wurde.

Zu Beginn der heutigen Zeitrechnung nutzten die Griechen bereits Olivenholz für ihre Speere. Eine Art Schleuder, die Ankyle unterstützte den Speerwerfer zu dieser Zeit. Diese Lederschnur wurde mehrfach um den Speer gewunden, eine Schlinge gelegt und die Finger eingehakt. Der beim Abwurf, durch das Abwickeln der Schnur, entstehende Drall verbesserte die Flugeigenschaften des Speeres.

Für Wettkampfspeere wurde bis zum 18. Jahrhundert Olivenholz verwendet. In den späten 1700ern wurde Hickory das Basismaterial, der Speer wurde gestreckt und die 400 Gramm schweren Speere mauserten sich bis auf 800 Gramm.

Der heutige Wettkampfspeer besteht aus verschiedenen Metallen, Carbon oder Kombinationen aus diesen Materialien. Die Speerlänge beträgt 2,60m bis 2,70m bei den Herren, 2,20m bis 2,30m bei den Frauen. Die Metallspitze aller Speere ist zwischen 25 cm und 33 cm lang. Speere verjüngen sich zu beiden Seiten. In der Griffzone in der Mitte des Speeres, befindet sich eine textile Umwicklung deren Durchmesser der Speerdurchmesser an der dicksten Stelle des Schaftes 25 mm -30 mm plus 8mm für die Wicklung des Herrenspeeres nicht überschreiten darf. (Damenspeer 20 mm -25 mm plus 8 mm)

Als Erfinder der modernen Speerwurftechnik gilt Eric Lemming aus Schweden. Von 1900 bis 1912 nahm er an verschiedenen Olympischen Spielen teil und gewann mehrfach Gold im Freistil Speerwurf sowie 1912 im Speerwurf. Eric Lemming ist auch der Start des Speerwerfens in Deutschland zu verdanken, da er die Technik 1906 beim Schwedenmeeting des Berliner Sport-Club 1899 Komet demonstrierte.

Andere verwendete Wettkampfformen waren die Addition von Würfen mit rechtem und linkem Art sowie und eine Art Drehtechnik mit der Spanier Félix Erausquin in den 50er Jahren 100m erzielte. Heute muss der Speer in der Mitte umfasst und einhändig, ohne Drehung geworfen werden und die Spitze muss zuerst im Sektor auftreffen.

Speerwurf  Abb.: IAT Leipzig
Speerwurf ist eine der technisch anspruchsvollsten Disziplinen der Leichtathletik. Im Gegensatz zum Kugelstoßen oder Diskuswurf besteht die Speerwurftechnik aus den Phasen:

– Zyklischer Anlaufteil
– Azyklischer Anlaufteil
– Hauptbeschleunigungsphase  mit Abwurf
– Abfangphase

Voraussetzung für den Speerwurf ist ein äußerst vielseitiges Training, das nicht nur Wurfübungen umfasst. Neben Wurfübungen im Stand, Zielwürfen, dem Erlernen von Wurfauslage, Bogenspannung und Stemmbeineinsatz ist die Verbesserung der Kraft, Schnelligkeit, Koordinationsfähigkeit und der gesamten Wurfdynamik Voraussetzung für hohe Abwurfgeschwindigkeiten. Abwurfwinkel, Verkanten des Speers, Windrichtung und – geschwindigkeit und viele weitere Parameter haben einen entscheidenden Einfluss auf die asymmetrische Wurfparabel des Speers. Klingt kompliziert, ist es auch. Der „Flug eines Speers“ über 85 Meter gehört darum zu den herausragenden Höhepunkten eines Leichtathletik Events.

Das folgende Video zeigt die Forschungspraxis im Speerwurf und veranschaulicht Erkenntnisse aus biomechanischen Betrachtungen.

 

 

Neben den vorgeschriebenen Maßen des Speeres, die bereits im Kapitel Technik beleuchtet wurden ist besonders der Schwerpunkt entscheidend. Neu festgelegt im Jahr 1986, nachdem es immer wieder zu Diskussionen und Problemen bei der Messung der Wurfweite kam, da sich die alten Speere nicht ausreichend senkten und keinen deutlichen Abdruck hinterließen sowie das Erreichen von Wurfweiten jenseits der 100  Meter Grenze ermöglichten, wurde der Schwerpunkt des Speeres bei 800 Gramm Speeren auf 900 mm bis 1060 mm ab der Speerspitze festgelegt. Beim 600 Gramm schweren Frauenspeer 800 mm bis 920 mm ab Speerspitze. Diese Maße werden vor Wettkampfbeginn von den Kampfrichtern geprüft.

SpeerwurfanlaufSpeerwurfsektor
Der Wurfbereich ist ein kreisförmiger Sektor mit einem Öffnungswinkel von 28,96 Grad und einer Länge von mindestens 95 Metern. Der Anlauf wird zum Sektor durch eine vier Meter lange, bogenförmige Abwurflinie, die 7 cm breit ist, begrenzt. Diese Abwurflinie darf vom Werfer nicht berührt oder überschritten werden. Der 4 Meter breite Anlauf darf erst verlassen werden, wenn der Speer im Sektor aufgetroffen ist, sonst ist der Wurf ungültig. Die Speerspitze muss vor allen anderen Teilen des Speeres den Boden berühren, sonst ist ein ebenfalls Wurf ungültig.

Im Wettkampf werden zuerst drei Würfe in der vor dem Wettkampf festgelegten Reihenfolge der Sportler absolviert. Die besten acht Sportler nach dem dritten Versuch haben drei weitere Versuche und ermitteln dann die Platzverteilung  1 -8.

Nicht zu vergessen sind der Siebenkampf und der Zehnkampf. Auch in diesen Disziplinen ist der Speerwurf Bestandteil des Programms. Der einzige Unterschied zum Speerwurf ist die Anzahl der Versuche, die im Mehrkampf auf drei Versuche begrenzt ist.

Bestimmt wurde das Speerwerfen zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Skandinaviern. Eric Lemming stellte den ersten offiziellen Rekord mit 49,32 m auf und dominierte die Entwicklung in den frühen Jahren. Seine 62,32 m aus dem Jahr 1912 hatten 7 Jahre Bestand.

In den 50er Jahren sorgte speziell die technologische Entwicklung der Speere für Weitensprünge. Beispielsweise der Aluminium-Hohlspeer des Amerikaners Franklin Held der 1953 als Erster über 80 m warf, führte zu Regeländerungen.

Und wieder war es ein Skandinavier der mit 91,72m 1964 die 90-Meter Marke knackte. Der im Jahr 1943 geborene, 1,92m große Terje Pedersen schaffte den Weltrekord in Oslo bei einem Länderkampf Norwegen – Tschechoslowakei.

Mehr und mehr gerieten die 100 m in Reichweite der weltbesten Athleten. Aber erst 1973 warf der Deutsche Klaus Wolfermann 94,08m. In den 80ern konnten die Ungarn Miklos Nemeth und Ferenc Paragi den Weltrekord weiter zur Schallmauer 100 m entwickeln. Nemeth heute selbst Entwickler von hochwertigen Speeren unterstützt heute noch die weltbesten Speerwerfer.

Uwe Hohn  Bild: Bundesarchiv
Doch dann kam der 24.07.1984, Olympischer Tag in Berlin. Uwe Hohn aus der damaligen DDR (GDR) hämmerte das Wurfgerät auf sensationelle 104,80m. Der 1962 geborene Modellathlet hatte auf Grund des Olympiaboykotts einiger sozialistischer Nationen im Jahr 1984 nicht die Chance auf eine Olympische Medaille, da er nach vielen Verletzungen seine Laufbahn 1986 aufgeben musste. Der Internationale Verband beschloss nach diesem Jahrhundertwurf eine Verlagerung des Speerschwerpunktes nach vorn. Diese Regel trat 1986 in Kraft.

Mit 87,66 m war Jan Železný der erste Rekordhalter mit dem heute noch gültigen Wettkampfspeer. Železný warf in seiner Karriere insgesamt vier neue Weltrekorde. Nachdem zwischenzeitlich Patrik Bodén und Steve Backley Weltrekordhalter waren, warf er 1993 in Sankt Petersburg einen neuen Rekord        (95,54 m), den er wenige Monate später in Sheffield auf 95,66 m verbesserte. Am 25. Mai 1996 gelang ihm in Jena der bis heute gültige Weltrekord von 98,48 Meter. Ihr solltet das Video gesehen haben.

Die 90 m Männer Deutschlands sind bisher Boris Henry, heute Nationaltrainer und Raimond Hecht, der mit 92,60 m auch Deutscher Rekordhalter seit Oslo 1995 ist. Ich bin gespannt, wann ein neuer Meilenstein in der Geschichte des Speerwurfes notiert werden kann.

Der Flug des Speeres Winteredition!


 

 

 

Quellangaben:

Hartmut Thieme: Altpaläolithische Holzgeräte aus Schöningen, Lkr. Helmstedt. Bedeutsame Funde zur Kulturentwicklung des frühen Menschen. In: Germania 77, 1999
http://www.olympia-lexikon.de/Eric_Lemming

IAAF Competition Rules
Lothar Hinz: Wurf und Stoss, Sportverlag Berlin 1991
Iat Leipzig; Dr. Frank Lehmann